In Österreich wird immer wieder heftig darüber diskutiert, ob große Vermögen und Erbschaften besteuert werden sollen. Diese Debatte berührt sehr grundlegende Fragen: Was ist gerecht? Wie soll unser Staat finanziert werden? Und was bedeutet das für unsere Wirtschaft und unseren Wohlstand?

Die Wurzeln dieser Diskussion reichen weit zurück. Bis 2008 gab es in Österreich eine sogenannte Erbschafts- und Schenkungssteuer. Diese Steuer musste gezahlt werden, wenn jemand eine größere Erbschaft oder Schenkung erhielt – also Vermögen von einer anderen Person bekam, ohne selbst dafür gearbeitet zu haben. Doch dann wurde diese Steuer abgeschafft. Seitdem zählt Österreich zu einer kleinen Gruppe von Ländern in Westeuropa, die keine Steuer auf Erbschaften oder große Vermögen erheben.

Das mag auf den ersten Blick angenehm erscheinen – schließlich freut sich jeder, wenn er weniger Steuern zahlen muss. Doch in den Jahren danach hat sich gezeigt: Vermögen sind in Österreich sehr ungleich verteilt, und diese Ungleichheit wird immer größer.

Studien zeigen, dass ein kleiner Teil der Bevölkerung – die reichsten 5 % – mehr als die Hälfte des gesamten Vermögens besitzt. Gleichzeitig wächst die Summe der Erbschaften, weil in den kommenden Jahren viele Angehörige der sogenannten "Babyboomer"-Generation sterben und ihr Vermögen vererbt wird. Das bedeutet: Immer größere Summen wechseln den Besitzer, und meistens bleibt das Geld in den Händen der ohnehin schon Wohlhabenden.

Gleichzeitig steht der Staat vor enormen finanziellen Herausforderungen: Der Klimaschutz verlangt große Investitionen. Das Gesundheits- und Pflegesystem wird durch die alternde Bevölkerung stark belastet. Es braucht mehr Mittel für Bildung, Soziales und Infrastruktur.

Die zentrale Frage lautet also: Wer soll diese Aufgaben bezahlen? Soll die Finanzierung weiterhin hauptsächlich durch Steuern auf Arbeitseinkommen erfolgen – oder sollen auch sehr große Vermögen stärker herangezogen werden?

Befürworter einer Vermögens- und Erbschaftssteuer sagen: Es ist gerecht und notwendig, große Vermögen zur Finanzierung des Sozialstaats heranzuziehen. Nur eine kleine, sehr reiche Minderheit wäre überhaupt betroffen. Ohne solche Steuern wird die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer.

Kritiker hingegen warnen: Neue Steuern könnten Investitionen und die Wirtschaft gefährden. Sie könnten Kapital ins Ausland vertreiben. Und sie könnten am Ende mehr Bürokratie als tatsächliche Einnahmen bringen.

In diesem Beitrag schauen wir uns die Argumente beider Seiten genau an – und erklären verständlich, warum es in der Frage der Vermögens- und Erbschaftssteuern um viel mehr geht als nur ums Geld. Es geht um die Zukunft unseres Zusammenlebens: Gerechtigkeit, wirtschaftliche Stabilität und die Solidarität innerhalb unserer Gesellschaft.

Das Problem: Hohe Vermögenskonzentration und wachsende Erbschaften

Ein zentrales Problem in der Debatte um Vermögens- und Erbschaftssteuern ist die ungleiche Verteilung von Reichtum in Österreich.

Laut einer Erhebung der Arbeiterkammer (AK) besitzen die reichsten 5 Prozent der Bevölkerung mehr als die Hälfte des gesamten Vermögens im Land. Eine kleine Minderheit kontrolliert einen Großteil aller Immobilien, Aktien, Unternehmensanteile und anderer Wertanlagen, während die große Mehrheit – etwa 95 Prozent der Bevölkerung – sich den verbleibenden Rest des Vermögens teilt.

Diese extreme Konzentration von Reichtum ist nicht einfach zufällig entstanden. Vermögen „arbeitet" – wer Kapital hat, kann es investieren und bekommt dadurch oft noch mehr Kapital. Wer hingegen kein Vermögen besitzt, hat kaum Möglichkeiten, finanziell aufzusteigen. Kurz gesagt: Reiche werden oft automatisch noch reicher, während Menschen mit wenig Besitz sich schwerer tun, finanziell aufzuholen.

Ein weiterer Faktor verschärft dieses Ungleichgewicht: die zunehmende Bedeutung von Erbschaften. Eine Studie der Arbeiterkammer Wien und des Joint Research Centre (JRC) der EU-Kommission kommt zu einem aufsehenerregenden Ergebnis: Das jährliche Volumen der Erbschaften – also der Geldwert, der durch Vererbung von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird – wird sich in den kommenden Jahren fast verdoppeln. Konkret: von aktuell 21,5 Milliarden Euro auf etwa 40,8 Milliarden Euro pro Jahr.

Der Grund liegt im sogenannten demografischen Wandel: In den kommenden Jahrzehnten werden viele Menschen der geburtenstarken Jahrgänge (etwa geboren zwischen 1955 und 1970) sterben. Diese Generationen haben oft erhebliche Vermögenswerte aufgebaut – sei es durch Immobilien, Betriebsvermögen oder Ersparnisse. Ihre Kinder und Enkel werden diese Werte erben – oft steuerfrei oder mit sehr geringer Besteuerung.

Das Problem dabei: Wer bereits aus einer wohlhabenden Familie stammt, erbt große Summen und baut seinen Vorsprung weiter aus. Wer aus einer weniger wohlhabenden Familie kommt, geht meist leer aus. Dadurch verstärkt sich die soziale Ungleichheit von Generation zu Generation, ganz unabhängig von Leistung, Ausbildung oder Arbeitseinsatz.

Diese Entwicklung wirft deshalb eine wichtige gesellschaftliche Frage auf: Soll der Staat eingreifen, um diese wachsende Ungleichheit zu bremsen? Und wenn ja, wie könnte eine gerechte und sinnvolle Regelung aussehen – durch eine Steuer auf sehr große Erbschaften, durch Maßnahmen, die sicherstellen, dass Vermögen nicht nur in wenigen Händen bleibt, oder durch andere Instrumente, um den Zugang zu Bildung, Eigentum und wirtschaftlichen Chancen breiter zu verteilen?

Die Diskussion darüber ist komplex, aber sie betrifft die Grundlagen unserer Gesellschaft: Wollen wir eine Gesellschaft, in der Herkunft immer mehr über die Zukunft entscheidet – oder eine, die auf Chancengleichheit setzt?

Argumente FÜR die Einführung von Vermögens- und Erbschaftssteuern

Befürworter von Vermögens- und Erbschaftssteuern sehen in diesen Abgaben ein wichtiges Mittel, um zwei zentrale Ziele zu erreichen: Chancengerechtigkeit – jeder soll ähnliche Startchancen im Leben haben, unabhängig von seiner familiären Herkunft – und die Finanzierung wichtiger Staatsaufgaben wie Pflege, Bildung oder Klimaschutz.

1. Mehr Verteilungsgerechtigkeit. In einer demokratischen Gesellschaft sollte der persönliche Erfolg vor allem davon abhängen, wie fleißig, kreativ oder engagiert jemand ist – nicht davon, ob er oder sie reich geboren wurde. Der französische Star-Ökonom Thomas Piketty hat es auf den Punkt gebracht: Demokratie verspricht, dass Leistung und Einsatz zählen – nicht das „Glück der Geburt". Wenn jedoch große Vermögen einfach vererbt werden, ohne dass der Staat eingreift, wird dieses Prinzip verletzt. Eine Steuer auf große Erbschaften könnte helfen, diese Ungleichheit abzumildern: Nur wirklich große Erbschaften würden besteuert. Laut Grünen und Arbeiterkammer würde nur das reichste oberste Prozent aller Erb:innen betroffen sein – die große Mehrheit der Bevölkerung müsste keine Erbschaftssteuer zahlen.

2. Finanzierung von Klimaschutz, Pflege und Bildung. Unser Staat braucht in den kommenden Jahren sehr viel Geld, um Pflege, Bildung und Klimaschutz zu finanzieren. Eine gerechte Antwort wäre: von jenen, die es sich leisten können. Laut einer Studie der Arbeiterkammer könnte eine Steuer auf große Erbschaften über eine Milliarde Euro pro Jahr einbringen, eine umfassendere Vermögenssteuer (wie von der GPA und der SPÖ Wien vorgeschlagen) sogar rund 5 Milliarden Euro jährlich – fast die Hälfte aller Bildungsausgaben in Österreich.

3. Hohe Zustimmung in der Bevölkerung. Eine Umfrage des Instituts für empirische Sozialforschung (IFES) zeigt: 73 % der Österreicher:innen sprechen sich für die Einführung einer Vermögenssteuer aus.

4. Internationale Vorbilder. Österreich wäre kein Exot, wenn es Vermögens- oder Erbschaftssteuern einführt. In vielen anderen entwickelten und erfolgreichen Ländern gibt es solche Steuern bereits, zum Beispiel Deutschland, Schweiz, Luxemburg. Diese Beispiele zeigen: Vermögens- und Erbschaftssteuern können funktionieren, ohne die Wirtschaft zu zerstören.

5. Entlastung kleiner und mittlerer Einkommen. Heute wird der Großteil des Steueraufkommens in Österreich durch Arbeitseinkommen finanziert. Arbeit wird sehr hoch besteuert, große Vermögen dagegen kaum oder gar nicht. Eine Vermögens- oder Erbschaftssteuer könnte helfen, dieses Ungleichgewicht zu korrigieren: Wenn Reiche mehr beitragen, könnten kleinere und mittlere Einkommen entlastet werden.

6. Kein echtes Argument der „Doppelbesteuerung". Ein häufiges Gegenargument lautet: „Das Geld wurde doch schon einmal versteuert – warum soll man es nochmal besteuern?" Befürworter halten dieses Argument für nicht stichhaltig: Besteuert wird nicht das Vermögen selbst, sondern der Übergang des Vermögens von einer Person auf eine andere – ähnlich wie beim Einkommen, wo Arbeitgeber Lohnsteuer und Arbeitnehmer zusätzlich Einkommensteuer zahlen. Eine Erbschaft ist ein neuer Erwerb – ähnlich wie ein Gehalt oder ein Gewinn.

Argumente GEGEN Vermögens- und Erbschaftssteuern

Kritiker sehen in solchen Steuern erhebliche Risiken – sowohl für die Wirtschaft als auch für die Gesellschaft.

1. Gefahr für Investitionen und Arbeitsplätze. Laut der Wirtschaftskammer Österreich (WKO) könnten Vermögens- und Erbschaftssteuern kapitalintensive Unternehmen stark belasten. Viele Unternehmen brauchen viel Kapital für Maschinen, Gebäude oder Anlagen. Würde auf dieses Betriebsvermögen zusätzlich Steuer fällig, hätten Unternehmen weniger Geld für Investitionen in neue Produkte, Technologien oder Arbeitsplätze – mit der Folge weniger Innovation, weniger Wachstum, möglicherweise Stellenabbau.

2. Kapitalflucht ins Ausland. Reiche Privatpersonen könnten versuchen, ihr Vermögen ins Ausland zu verlagern, um der Steuer zu entgehen. Die Folgen wären weniger Investitionen im Inland, schwächere Wirtschaftsleistung, weniger Steuereinnahmen für den Staat.

3. Geringe Nettoeinnahmen, hohe Verwaltungskosten. Die Bewertung großer Vermögen ist kompliziert – es braucht spezialisierte Gutachter, umfangreiche Prüfverfahren und komplexe Rechtsvorschriften. Oft verschlingen die Verwaltungskosten einen beträchtlichen Teil der Einnahmen.

4. Bürokratische Belastung. Ein Blick nach Deutschland zeigt: Zahlreiche Ausnahmeregelungen, Sonderklauseln und Fristen machen die Verwaltung von Vermögens- und Erbschaftssteuern extrem kompliziert.

5. Mehrfachbesteuerung. Viele Kritiker empfinden eine neue Steuer auf Vermögen oder Erbschaften als unfair, weil Einkommen, Immobilienkauf, Immobilienbesitz und Verkaufsgewinne bereits mehrfach besteuert werden.

6. Belastung des Mittelstands. Obwohl Befürworter betonen, dass nur sehr große Vermögen betroffen wären, gibt es die Sorge, dass am Ende doch viele Mittelstands-Familien zur Kasse gebeten werden – etwa Familien mit einem Einfamilienhaus in einer teuren Wohngegend, oder kleine Familienbetriebe, die gezwungen sein könnten, Betriebsanteile zu verkaufen.

7. Misstrauen gegenüber der Verwendung neuer Steuereinnahmen. Kritiker befürchten, zusätzliche Einnahmen könnten in ineffizienten Verwaltungsstrukturen versickern, statt gezielt in Bildung, Pflege oder Klimaschutz zu fließen.

8. Liberale Positionen: NEOS und Agenda Austria. Die NEOS lehnen neue Steuern ab, solange nicht gleichzeitig die Steuerbelastung auf Arbeit spürbar gesenkt wird. Agenda Austria fordert statt neuer Einnahmen eine konsequente Ausgabendisziplin des Staates.

9. Umgehungsmöglichkeiten. Viele Experten warnen: Die Superreichen werden Mittel und Wege finden, die Steuer zu umgehen – etwa über Stiftungen, Verlagerung ins Ausland oder komplexe Gestaltungen durch Anwälte und Steuerberater. Am Ende blieben vor allem Mittelstandsfamilien übrig, die ihr Vermögen ehrlich melden – und dadurch überproportional belastet werden.

Ein Blick nach Deutschland: Eine Warnung?

Wer über die Einführung einer Vermögens- oder Erbschaftssteuer in Österreich nachdenkt, sollte einen Blick auf die Erfahrungen Deutschlands werfen. Dort zeigt sich, welche Fallstricke bei der Einführung und Gestaltung solcher Steuern lauern können.

1. Steuerbegünstigungen für Betriebsvermögen – ein großes Schlupfloch. In Deutschland wurde Betriebsvermögen massiv steuerlich begünstigt, um Arbeitsplätze zu sichern und Familienbetriebe zu erhalten. Das hatte ungewollte Nebenwirkungen: Auch sehr große Firmenimperien konnten so weitgehend steuerfrei an Erben übergehen, während Menschen, die ein Einfamilienhaus vererbten, im Verhältnis oft mehr Steuern zahlten. Große Vermögen blieben unberührt, während kleinere Erben oft stärker belastet wurden.

2. Reformen konnten das Ungleichgewicht nur teilweise beheben. Mehrere Reformen des Erbschaftssteuergesetzes hatten nur begrenzten Erfolg – immer wieder wurden neue Ausnahmeregelungen geschaffen, und große Unternehmensvermögen profitieren noch immer deutlich stärker von Steuervergünstigungen als andere Formen von Erbschaften.

3. Die Komplexität der Regeln machte die Verwaltung teuer und schwerfällig. Finanzämter brauchen spezialisierte Abteilungen, Erben müssen oft teure Gutachter und Steuerberater einschalten. Die Folgen: hohe Verwaltungskosten, hohe Beratungskosten, lange Verfahren – und ein System, das am Ende nur noch wenige durchschauen.

Ein möglicher Lösungsansatz: Hohe Freibeträge

Eine wichtige Idee lautet: sehr hohe Freibeträge einführen – Beträge, bis zu denen Erbschaften steuerfrei bleiben. Nur Erbschaften im Wert mehrerer Millionen Euro müssten überhaupt besteuert werden, kleine und mittlere Erbschaften wären automatisch ausgenommen. Dadurch würde die Zahl der Steuerfälle drastisch sinken, die Steuer würde sich nur auf wirklich große Vermögen konzentrieren.

Die Vorteile: weniger Bürokratie (Finanzämter müssten nur noch sehr große Fälle bearbeiten), mehr Akzeptanz (die breite Bevölkerung wäre nicht betroffen) und Zielgenauigkeit (die Steuer würde wirklich nur die Superreichen treffen).

Fazit: Eine schwierige, aber notwendige Debatte

Die Diskussion über Vermögens- und Erbschaftssteuern ist komplex – und sie geht weit über die Frage hinaus, wer wie viel Steuern zahlen soll. Es geht um Grundsatzfragen: Was verstehen wir unter Gerechtigkeit? Wie wollen wir unseren Sozialstaat finanzieren? Welche Rolle soll Reichtum in unserer Demokratie spielen?

Befürworter betonen: Die wachsende Ungleichheit gefährdet die soziale Stabilität, große Vermögen, die ohne eigenes Zutun weitergegeben werden, untergraben das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit, und der Staat braucht dringend neue Finanzierungsquellen für Bildung, Pflege und Klimaschutz.

Kritiker warnen eindringlich: Vermögens- und Erbschaftssteuern könnten den Wirtschaftsstandort Österreich schwächen, Investitionen bremsen und Arbeitsplätze gefährden. Der bürokratische Aufwand könnte den Nutzen der neuen Steuern weitgehend zunichtemachen, und es besteht die Angst, dass neue Steuergelder nicht effizient eingesetzt werden. Viele Skeptiker fordern stattdessen eine bessere Verwaltung der bestehenden Mittel und eine Senkung der Abgaben auf Arbeit, bevor über neue Belastungen diskutiert wird.

Eines aber ist klar, unabhängig davon, auf welcher Seite man steht: Die Frage der fairen Verteilung von Wohlstand wird uns noch viele Jahre beschäftigen. Besonders in einer alternden Gesellschaft wie der österreichischen, wo immer größere Vermögenswerte weitervererbt werden, stellt sich die Herausforderung, wie sich soziale Ungleichheiten verhindern lassen und wie die Finanzierung öffentlicher Güter wie Bildung, Gesundheit und soziale Absicherung gesichert werden kann.

Die Debatte zeigt: Radikale Lösungen – entweder komplette Ablehnung oder uneingeschränkte Einführung – greifen zu kurz. Ein sinnvoller Weg könnte in einem ausgewogenen Kompromiss bestehen: Einführung maßvoller Vermögens- und Erbschaftssteuern, kombiniert mit sehr hohen Freibeträgen (mehrere Millionen Euro), sodass nur wirklich große Erbschaften und Vermögen betroffen wären – bei gezielter und transparenter Verwendung der Einnahmen für bessere Bildungschancen, den Ausbau der Pflege und die Förderung sozialer Aufstiegsmöglichkeiten.