Teil II

In der politischen Rhetorik der FPÖ ist die Spaltung kein Kollateralschaden – sie ist Methode. Herbert Kickl und seine Partei arbeiten systematisch daran, die Gesellschaft in zwei Lager zu teilen: auf der einen Seite das sogenannte „wahre Volk", das sich in der FPÖ wiedererkennen soll – auf der anderen Seite „die anderen". Die angeblichen Verräter, die „Eliten", die „linken Gutmenschen", die „Systemtreuen". Diese Aufteilung ist kein Nebeneffekt von Wahlkampf-Rhetorik, sondern zentraler Bestandteil einer Strategie, die auf Mobilisierung durch Abgrenzung setzt.

Was dabei passiert, ist psychologisch präzise kalkuliert: Die FPÖ erschafft ein klares Freund-Feind-Schema. Menschen werden nicht mehr nach ihren Meinungen oder Argumenten beurteilt, sondern nach ihrer Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Wer zur FPÖ gehört oder ihr zustimmt, ist Teil des „Volkes". Wer sich kritisch äußert, ist automatisch ein Gegner – oder schlimmer: ein „Verräter", ein „Feind im Inneren". Diese Polarisierung macht politische Debatten unmöglich. Es geht nicht mehr um den Austausch von Argumenten, sondern um die Verteidigung einer vermeintlich bedrohten Identität.

Herbert Kickl inszeniert sich in Reden regelmäßig als Verteidiger eines unterdrückten Volkes, das von „Eliten" manipuliert, von „Gutmenschen" bevormundet und von „Heimatverrätern" hintergangen werde. Er spricht nicht zu politischen Bürger:innen, sondern zu „Opfern", die sich zur Wehr setzen müssen. Die Sprache, die dabei verwendet wird, ist emotional aufgeladen, aggressiv, suggestiv – und oft bewusst entgrenzend. Begriffe wie „Heimatverräter", „Gutmensch" oder „Systemelite" sind dabei keine zufälligen Kraftausdrücke, sondern sorgfältig gewählte Schlagworte, die Ängste verstärken und ein kollektives Gefühl der Bedrohung erzeugen sollen.

So funktioniert die Mobilisierung: Die FPÖ erzählt eine Geschichte. Eine Geschichte vom „verratenen Volk", das sich erheben muss gegen ein korruptes System. Diese Erzählung schafft Identität durch Abgrenzung. Wer dazugehört, fühlt sich nicht nur bestätigt – sondern aufgefordert, gegen die „anderen" vorzugehen. Die politische Konkurrenz wird dadurch nicht nur abgelehnt, sondern entmenschlicht. Genau hier beginnt die Hetze.

Die perfide Wirkung dieser Strategie zeigt sich vor allem im Alltag: In Kommentarspalten, in Stammtischgesprächen, in privaten Gesprächen. Menschen übernehmen die Begriffe aus der FPÖ-Rhetorik, benutzen sie, oft ohne ihre Herkunft oder historische Schwere zu kennen – und tragen so zur Spaltung der Gesellschaft bei. Was als politische Kommunikation beginnt, endet als gesellschaftlicher Flächenbrand.

Die FPÖ hetzt nicht, indem sie offen zur Gewalt aufruft. Sie hetzt, indem sie den Nährboden dafür bereitet: durch die ständige Wiederholung von Feindbildern, durch die gezielte Emotionalisierung politischer Themen und durch eine Sprache, die nicht mehr diskutieren, sondern aburteilen will. Wer das verstehen will, muss sich mit der Sprache auseinandersetzen, die die FPÖ täglich benutzt. Denn diese Sprache ist nicht bloß Ausdruck einer Haltung – sie ist ein politisches Werkzeug. Ein Werkzeug, das spaltet, verunsichert und die Demokratie untergräbt.

Wenn Herbert Kickl auf einer Bühne steht, ist das kein gewöhnlicher politischer Auftritt. Es ist eine Inszenierung – durchdacht, kalkuliert, strategisch. Seine Reden folgen einem klaren Muster, das sich über Jahre hinweg verfestigt hat. Immer wieder spricht er von „Gutmenschen", von „Eliten", von „Heimatverrätern". Diese Begriffe sind keine zufälligen Ausrutscher, sondern gezielte rhetorische Angriffe. Es sind Reizworte, die nicht erklären, sondern spalten – und genau das ist beabsichtigt.

Warum macht Kickl das? Weil er verstanden hat, dass politische Macht nicht allein durch Konzepte, Inhalte oder Programmatik entsteht – sondern durch Emotion. Polarisierung setzt Energie frei, und diese Energie kann gezielt gelenkt werden. Wut, Empörung und das Gefühl von Bedrohung sind psychologisch stärker wirksam als nüchterne Argumente oder komplexe Zusammenhänge. Wer eine Gesellschaft in Lager aufteilt, schafft nicht nur Konflikt – er schafft Bindung, Loyalität und Mobilisierungsbereitschaft.

Die FPÖ – und Herbert Kickl als ihr strategischer Kopf – nutzen diesen Mechanismus systematisch. Sie vermeiden die Vermittlung politischer Inhalte, weil diese stets diskussionsbedürftig, nuanciert und erklärungsaufwendig wären. Stattdessen setzen sie auf klare Feindbilder und einfache Schuldzuweisungen. Das „Wir gegen die"-Narrativ ist dabei kein rhetorischer Ausrutscher, sondern das Grundgerüst ihrer Kommunikation. Es bietet Orientierung in einer komplexen Welt, indem es eine künstliche Trennlinie zieht: hier das angeblich „wahre Volk", dort die „Systemparteien", „Gutmenschen", „Eliten" und „Verräter".

Diese Konstruktion erfüllt mehrere Funktionen: Sie stiftet Identität, schafft Zugehörigkeit und moralisiert die eigene Position. Wer sich auf der Seite des „Volkes" sieht, braucht keine Argumente mehr – er hat das Gefühl, im Recht zu sein. Und wer das Gefühl hat, im Recht zu sein, wird schwer angreifbar für Kritik. Der politische Gegner wird dadurch nicht mehr als Mitbewerber wahrgenommen, sondern als Feind – als jemand, der nicht nur eine andere Meinung hat, sondern gefährlich ist.

Kickl erschafft diesen Feind nicht durch Fakten, sondern durch Sprache. Mit Begriffen, die bewusst aufgeladen, historisch vorbelastet und emotional wirksam sind. Durch ständige Wiederholung formt er ein Weltbild, das sich nicht mehr an der Wirklichkeit orientiert, sondern an Erzählungen. Diese Erzählungen – von Verrat, Bedrohung und Widerstand – mobilisieren nicht nur Zustimmung. Sie legitimieren auch Radikalität. Genau das ist das Ziel. Denn eine Gesellschaft, die in Angst, Wut und Abgrenzung lebt, ist leichter steuerbar. Wer die Sprache kontrolliert, kontrolliert am Ende auch das Denken.

Herbert Kickl versteht, was moderne Kommunikationsstrategien auszeichnet: Menschen lassen sich nicht durch Programme binden, sondern durch Narrative. Die FPÖ bietet ihrer Anhängerschaft kein komplexes politisches Weltbild – sie liefert ein stark vereinfachtes Identitätsangebot. Dieses beruht nicht auf gemeinsamen Zielen, sondern auf einer klaren Grenzziehung: „Wir" gegen „die anderen". Diese „anderen" – das können je nach Anlass Journalist:innen, Wissenschaftler:innen, Klimaschützer:innen, Gewerkschafter:innen oder schlicht alle demokratischen Mitbewerber sein – werden als fremd, arrogant, systemhörig oder gefährlich dargestellt.

Diese Methode schafft das, was Sozialpsychologen als „soziale Identität durch Abgrenzung" bezeichnen. Wer sich als Teil eines kollektiven „Wir" fühlt, das von äußeren Kräften bedrängt wird, entwickelt ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl – und gleichzeitig ein tiefes Misstrauen gegenüber allen, die nicht dazugehören. Kickl kultiviert dieses Gefühl gezielt: durch Sprache, durch wiederholte Bilder von Bedrohung, Verrat und Dekadenz, durch die ständige Wiederholung von Begriffen wie „Elite", „System" oder „Heimatverräter".

Damit entsteht eine klare Lagerbildung. Die „anderen" müssen gar nicht exakt definiert werden – es reicht, dass sie als Projektionsfläche für Unzufriedenheit dienen. Wer sich im Leben benachteiligt fühlt, bekommt durch die FPÖ-Rhetorik eine Erklärung geliefert: Nicht du bist schuld – sondern „die da oben". Die politische Wirkung dieser Erzählung ist enorm.

Die Sprache, die die FPÖ gezielt einsetzt, wirkt nicht in erster Linie über den Verstand, sondern über das emotionale Zentrum der Menschen. Durch die ständige Wiederholung aufgeladener Begriffe wie „Systemparteien", „Gutmensch" oder „Heimatverräter" wird ein latentes Gefühl der Bedrohung erzeugt – nicht einmal durch konkrete Inhalte, sondern allein durch die Atmosphäre der Abgrenzung und Feindlichkeit. Diese Wiederholung funktioniert wie eine mentale Einritzung: Wer immer wieder hört, dass „die anderen" betrügen, bevormunden oder verraten, beginnt zu glauben, dass das die Realität sei – unabhängig davon, ob es je einen Beweis dafür gab.

Genau das macht diese Rhetorik so gefährlich: Sie ersetzt rationale Auseinandersetzung durch reflexartige Reaktionen. Fakten verlieren an Bedeutung, weil sie emotionalen Deutungsmustern weichen. Wer in diesem Narrativ lebt, braucht keine differenzierte Information mehr – er hat ein Bild im Kopf, das alles erklärt. Und dieses Bild ist binär: hier das „wahre Volk", dort die „Feinde der Heimat". Das Resultat ist ein psychologischer Abwehrmechanismus gegenüber allem, was nicht ins eigene Weltbild passt.

Kritik wird nicht mehr gehört, sondern abgewehrt. Ein kritischer Journalist gilt nicht als unabhängiger Beobachter, sondern als „Teil des Systems". Eine andere Meinung gilt nicht als Alternative, sondern als Angriff. Und der, der sie äußert, wird nicht mehr als Mitbürger gesehen, sondern als Gegner – ja, als Bedrohung. So entstehen keine Debatten mehr, sondern Fronten. Keine Gespräche, sondern Verteidigungslinien.

Diese Strategie immunisiert gegen jede Form demokratischer Auseinandersetzung. Sie fördert Denkfaulheit und Belohnungsdenken: Wer zur richtigen Gruppe gehört, braucht sich nicht mehr zu hinterfragen. Wer Kritik erlebt, darf sich als Märtyrer fühlen. So entsteht eine emotionale Belagerungshaltung, in der sich jede Gegenstimme nur noch als Bestätigung für das eigene Narrativ einfügt. Genau so wird aus politischer Sprache ein psychologisches Instrument der Abschottung – mit zerstörerischen Folgen für jede offene Gesellschaft.

Strategisches Ziel: Herbert Kickl verfolgt mit seiner Rhetorik weit mehr als bloße Provokation. Sein eigentliches Ziel ist es, die politischen Spielregeln selbst zu verändern – und das beginnt mit der Sprache. Indem er Begriffe wie „Gutmensch", „Eliten" oder „Heimatverräter" in die politische Debatte einführt, verschiebt er bewusst die Grenzen des Sagbaren. Was früher als Tabubruch galt, wird durch ständige Wiederholung normalisiert. Aussagen, die vor wenigen Jahren noch als radikal galten, klingen heute für viele wie legitime Kritik. Diese Verschiebung ist kein Zufall – sie ist Strategie.

Kickl schafft durch diese Methode einen eigenen Resonanzraum: einen Raum, in dem sich Anhänger nicht mehr über Fakten orientieren, sondern über Gefühl, Empörung, Abgrenzung. Wer in diesem Raum lebt, stellt keine Fragen mehr – er glaubt, und dieser Glaube stützt sich nicht auf Information, sondern auf Identifikation. Wer sich zur „Gruppe der Erwachten" zählt, fühlt sich im Besitz der Wahrheit, während alle anderen Teil eines feindlichen Systems erscheinen. In diesem Klima sind differenzierte Positionen nicht mehr gefragt – es zählt nur noch Loyalität zur eigenen Linie.

Die langfristige Wirkung ist tiefgreifend: Kickl zielt nicht nur darauf ab, kurzfristig Zustimmung zu gewinnen, sondern den gesamten Diskurs zu dominieren. Wer die Sprache prägt, prägt das Denken – und wer das Denken prägt, legt fest, was als legitim gilt und was nicht. Wenn zentrale Begriffe des demokratischen Diskurses ersetzt werden durch Kampfbegriffe, wird nicht nur das Gespräch verroht, sondern auch das politische Koordinatensystem verschoben. Es entsteht ein Klima, in dem autoritäre Positionen salonfähig werden, weil sie nicht mehr als extrem erscheinen, sondern als „ehrlich", „mutig" oder „alternativlos".

So funktioniert die Kontrolle durch Polarisierung: Nicht, indem man anderen das Wort verbietet, sondern indem man den Rahmen dessen verschiebt, was als vernünftig, als akzeptabel, als „normal" gilt. Wer die Begriffe bestimmt, bestimmt auch die Deutung – und wer die Deutungshoheit besitzt, kann politische Wirklichkeit formen, gegen die Demokratie, aber im Namen des Volkes.

Wie können wir das sichtbar machen?

Der wichtigste Schritt im Umgang mit manipulativer Sprache ist Bewusstmachung – und das beginnt mit Aufklärung. Viele Menschen verwenden Begriffe wie „Gutmensch", „Heimatverräter" oder „Systempartei" beiläufig, ohne zu wissen, wie stark sie historisch aufgeladen und strategisch auf Spaltung angelegt sind. Sie greifen diese Worte in sozialen Netzwerken, auf Stammtischen oder aus dem Medienumfeld auf und wiederholen sie – nicht selten in dem Glauben, damit lediglich eine Meinung zu äußern. Doch in Wahrheit werden sie so zu unbewussten Verstärkern eines politischen Diskurses, der auf Abwertung, Polarisierung und Verunsicherung setzt.

Deshalb braucht es eine bewusste Auseinandersetzung mit den Ursprüngen, der Entwicklung und der Absicht hinter solchen Begriffen. Wir müssen aufzeigen, woher diese Worte kommen – etwa aus der Propaganda autoritärer Regime oder aus populistischen Strategien, die gezielt auf ein Schwarz-Weiß-Weltbild setzen. Es reicht nicht, diese Begriffe als „unsauber" oder „zugespitzt" zu kritisieren. Wir müssen sie als das benennen, was sie sind: politische Werkzeuge, die eingesetzt werden, um Gegner zu delegitimieren, den Diskurs zu verengen und die demokratische Streitkultur zu zerstören.

Die Wirkung dieser Sprache lässt sich nicht nur theoretisch erfassen – sie ist konkret spürbar: in den Kommentarspalten, in den sozialen Medien, in Klassenzimmern und Büros, wo Begriffe wie „Gutmensch" zur Schmähung von Empathie genutzt werden; in politischen Debatten, wo von „Systemparteien" gesprochen wird, um alle außer der eigenen Meinung pauschal zu diffamieren. Wer diese Muster erkennt, kann sie durchbrechen – durch Information, durch Reflexion, durch mutiges Gegenreden.

Aufklärung bedeutet, Menschen sprachlich zu entwaffnen, nicht durch Verbote, sondern durch Verständnis. Indem wir zeigen, dass diese Begriffe keine Argumente sind, sondern Werkzeuge der Manipulation, nehmen wir ihnen die Macht. Es geht darum, wieder sprachlich zu unterscheiden – statt alles unter Feindbildern zu begraben. Nur so können wir Spaltung sichtbar machen – und ihr etwas entgegensetzen.

Der wirksamste Widerstand gegen die Spaltung durch Sprache beginnt nicht mit Lautstärke, sondern mit Haltung. Wir brauchen keine neuen Parolen, sondern eine klare, reflektierte Sprache. Es braucht Menschen, die den Mut haben, die Verrohung des politischen Diskurses nicht länger schweigend hinzunehmen. Menschen, die im Alltag, im Netz, am Stammtisch oder im Büro sagen: „So nicht. So reden wir nicht über Mitmenschen, über politische Gegner, über Andersdenkende." Es geht nicht darum, Meinungen zu verbieten – sondern darum, den Rahmen für einen respektvollen, demokratischen Austausch zu verteidigen.

Wer Begriffe wie „Gutmensch", „Heimatverräter" oder „Systempartei" hört, sollte nicht wegsehen. Denn solche Begriffe sind keine Meinung – sie sind Abwertungsinstrumente. Und wer sie unkommentiert lässt, normalisiert sie. Wir können dem nur entgegentreten, wenn wir beginnen, Sprache wieder ernst zu nehmen. Wenn wir ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Worte nicht nur beschreiben, sondern gestalten – Meinungen, Emotionen, Weltbilder.

Was es braucht, ist eine neue Gesprächskultur. Eine Kultur, die auch in hitzigen Diskussionen auf Differenzierung besteht. Die nicht gleich Widerspruch als Angriff empfindet. Die Komplexität aushält – und sie nicht durch einfache Feindbilder ersetzt. Denn Demokratie lebt nicht vom Gleichklang, sondern vom Ringen um die beste Idee. Doch dieses Ringen ist nur möglich, wenn wir uns sprachlich nicht entwaffnen lassen.

Sprache ist kein neutrales Transportmittel. Sie ist Teil des politischen Kampfes. Wer das erkennt, kann anfangen, sie zurückzuerobern – mit ruhiger Analyse, mit sachlicher Gegenrede, mit mutiger Aufklärung. Das ist nicht bequem. Aber es ist notwendig. Denn wenn politische Sprache zur Waffe wird, wird Schweigen zur Zustimmung. Und genau deshalb braucht es Stimmen, die widersprechen. Klar, ruhig, standhaft.

Dieser Beitrag ist Teil der Blogreihe „Worte wie Waffen", die aufzeigt, wie die FPÖ gezielt Sprache einsetzt, um zu manipulieren, zu spalten und demokratische Prozesse zu untergraben.

🖊️ PapaChriLo

Einer muss was sagen – weil man nicht alles einfach so stehen lassen kann.