Billig-Gouda gegen Marken-Emmentaler, eine Butterdose als Beweis und dazwischen „nur eine Feststellung, keine Unterstellung“. Wie der Chefredakteur der größten Tageszeitung Österreichs nach Babler jetzt Marterbauer ins Visier nimmt.
Andreas Babler ist Geschichte.
Nicht abgewählt.
Nicht von einem Parteitag gestürzt. Er hat am 4. Oktober selbst angekündigt, Anfang 2027 Vizekanzleramt und Parteivorsitz abzugeben. Nachfolger als Vizekanzler soll Finanzminister Markus Marterbauer werden. Und wer jetzt liest, was der Chefredakteur der „Kronen Zeitung“ schreibt, findet – Marterbauer. Als nächstes Ziel. Man muss keine Verschwörung behaupten, um ein Muster zu erkennen.
Man muss nur hinschauen, wer da gerade wen ins Visier nimmt. Und warum.
Ein Chefredakteur auf Kampagne
Monatelang. Kommentar um Kommentar. Immer gegen denselben Mann. Was Klaus Herrmann in den vergangenen Monaten gegen Andreas Babler geschrieben hat, war keine kritische Begleitung eines Politikers. Es war Zermürbung. Jeder Fehler wurde zum Beweis, jede Umfrage zum Urteil, jede Wortmeldung eines unzufriedenen Genossen zur Schlagzeile. Auf die Frage, ob die SPÖ mit Babler noch eine Chance habe, ließ die „Krone“-Chefredaktion keinen Zweifel:
„Dazu scheint Gewissheit zu bestehen: Nein.“
Das ist keine Analyse mehr.
Das ist ein Urteil. Gefällt von jemandem, der es dann selbst vollstreckt.
Der Herausforderer, der Babler ablösen wollte, verkündete seine Ambitionen passenderweise – in einem großen „Krone“-Interview. Natürlich hat das funktioniert. Wenn der Chefredakteur der größten Zeitung des Landes Tag für Tag gegen einen Politiker anschreibt, hält das niemand aus.
Das soll auch niemand aushalten. Genau das ist der Zweck.
Die Technik: Verdacht ohne Behauptung
Jetzt also Marterbauer. Am 14. Oktober, auf Facebook. Und die Methode, Herr Herrmann, ist dieselbe. Der Anlass ist eigentlich eine gute Nachricht: Laut Arbeiterkammer ist der Einkaufskorb mit den billigsten Lebensmitteln deutlich günstiger geworden. Ihre Reaktion beginnt mit einem ironischen „Hurra, die Preise sinken!“.
Und dann kommt der Satz, um den sich alles dreht:
„Die AK ist – nur eine Feststellung, keine Unterstellung – jene Institution, in der Finanzminister Markus Marterbauer […] zu Hause ist.“
Zur Einordnung: Marterbauer war bis zu seinem Wechsel ins Finanzministerium im März 2025 Chefökonom der Arbeiterkammer. Das stimmt. Nur: Was hat das mit der Frage zu tun, ob ein Warenkorb billiger geworden ist? Nichts. Und genau deshalb steht es da. Dieser Satz ist entlarvend. Denn wer wirklich nur feststellen will, muss das nicht dazuschreiben. Wer ihn dazuschreibt, weiß genau, welche Assoziation er gerade erzeugt hat. Er will den Verdacht säen – ohne ihn aussprechen zu müssen. Und ohne ihn belegen zu müssen.
Das ist keine journalistische Raffinesse. Das ist Suggestion.
Und es ist eine besonders unglückliche Suggestion. Denn dass der Lebensmittelhandel die Mehrwertsteuersenkung vollständig weitergegeben hat, hat nicht nur die Arbeiterkammer festgestellt. Zum selben Ergebnis kam schon vorher die Österreichische Nationalbank. Und im Juli zitierten ausgerechnet der Handelsverband und die Wirtschaftskammer die AK-Erhebung als Bestätigung – mit sichtlicher Genugtuung.
Wenn sogar die Wirtschaftskammer einer AK-Studie zustimmt, wird es schwierig, sie als rote Gefälligkeitsarbeit abzutun.
Die Käse-Ökonomie
Dann der Käsevergleich. Gouda um 14 Prozent billiger, Emmentaler um 31 Prozent teurer. Ihr Fazit:
„Gouda oder Emmentaler? Nein: Alles Käse!“
Klingt nach Willkür. Nach Zufall. Nach einer Steuersenkung, die nichts bringt.
Nur: Die beiden Zahlen stammen nicht aus derselben Erhebung.
Der Gouda kommt aus dem Warenkorb der 40 billigsten Produkte, erhoben bei sieben Supermärkten und Diskontern. Dieser Korb kostete im September 2025 knapp 82 Euro, im September 2026 rund 74. Minus neun Prozent. 23 der 40 Produkte wurden billiger.
Der Emmentaler kommt aus einer separaten Erhebung von 31 Markenprodukten in den Onlineshops von Billa und Interspar. Dort stiegen die Preise im Schnitt um 5,3 Prozent – beim Markenemmentaler um 31.
Billig-Gouda gegen Marken-Emmentaler. Zwei Erhebungen, zwei Warenkörbe, zwei völlig verschiedene Fragen.
Das ist kein Vergleich. Das ist ein Taschenspielertrick.
Und die Arbeiterkammer hat beides selbst veröffentlicht – samt dem Hinweis, dass Markenprodukte teurer geworden sind. Eine Institution, die angeblich nur die Erfolge des Finanzministers schönrechnet, legt also freiwillig auch die unangenehmen Zahlen auf den Tisch. Bemerkenswerte Propaganda.
Ob eine Steuersenkung wirkt, misst man nicht an einer Käsesorte. Man misst es daran, ob die Senkung bei den Kundinnen und Kunden ankommt. Das tut sie, wie alle relevanten Erhebungen zeigen. Warum Markenpreise trotzdem steigen – Erzeugerpreise, Handelsmargen, Weltmarkt –, ist eine eigene, berechtigte Frage. Mit dem Steuersatz hat sie wenig zu tun.
Man kann übrigens sehr wohl argumentieren, dass die Senkung von zehn auf 4,9 Prozent zu klein ist, um im Geldbörsel wirklich spürbar zu sein. Das ist eine legitime Debatte.
Aber dafür bräuchte es Argumente. Für eine Pointe reicht ein Käse.
Die Paketsteuer: kritisierbar. Wirklich.
Damit kein Missverständnis entsteht: Die Paketsteuer kann man kritisieren.
Seit 1. Oktober zahlen Versandhändler mit mehr als 100 Millionen Euro Umsatz in Österreich zwei Euro pro Paket. Rund 280 Millionen Euro im Jahr soll das bringen, um die günstigeren Grundnahrungsmittel mitzufinanzieren. Der Handelsverband berichtet schon nach wenigen Tagen von Nebenwirkungen: weniger, aber größere Bestellungen – und offenbar nicht mehr Kundschaft im Geschäft. NEOS-Chefin Meinl-Reisinger nannte die Steuer einen „Murks“. Und das, obwohl ihre eigene Partei sie mitbeschlossen hat.
Das ist Stoff für harte Kritik. Für berechtigte Kritik.
Stattdessen bekommen wir ein Bild: Man kauft Teebutter um 1,59 Euro und bekommt sie dann in der neuen 8-Euro-Butterdose geliefert – mit 2,40 Euro Paketsteuer obendrauf.
Eine hübsche Szene. Mit einem Schönheitsfehler.
Wer seine Teebutter im Supermarkt kauft, zahlt keinen Cent Paketsteuer. Die Abgabe trifft Versandhändler wie Amazon, Temu oder Shein. Die verbilligte Butter und das teure Packerl haben im Alltag fast nichts miteinander zu tun – außer in einer Kolumne, die sie zusammenbringen muss, damit die Pointe sitzt.
Richtig ist: Die Paketsteuer soll die Steuersenkung mitfinanzieren. Richtig ist auch, was Sie selbst schreiben – ÖVP und NEOS haben brav mitgestimmt. Warum gilt sie dann trotzdem als Erfindung von „Babler, Marterbauer & Co.“?
Weil es Ihnen nicht um die Steuer geht. Sondern um die Namen.
Die Regierung kann man kritisieren. Marterbauer kann man kritisieren. Jede Steuer, jedes Budget, jede Entscheidung.
Aber wer Kritik ernst nimmt, braucht Fakten und Argumente – keine zurechtgeschnittene Zahlenakrobatik und keine durchschaubare parteipolitische Inszenierung.
Das Interesse, über das die „Krone“ nicht schreibt
Bleibt die Frage: Warum gerade Babler? Und warum jetzt sein designierter Nachfolger?
Ich werde hier nicht tun, was ich Herrn Herrmann vorwerfe. Ich werde nichts andeuten, ohne es zu belegen. Aber ich kann Fakten nennen, die in der „Krone“ auffallend selten vorkommen.
Andreas Babler ist nicht nur SPÖ-Chef und Vizekanzler. Er ist auch Medienminister. Und als solcher hat er die Regierungsinserate massiv zurückgefahren: von 34 Millionen Euro im Jahr 2024 auf 11,8 Millionen im Jahr 2025. Das zeigen die offiziellen Medientransparenzdaten der KommAustria.
Dazu kommt eine Reform der Medienförderung, die künftig nicht mehr einfach Verlage fördern soll, sondern Journalismus, der sich an professionelle Qualitätsstandards hält – vergeben von einer unabhängigen Kommission.
Wer vom alten System am meisten profitiert hat, ist kein Geheimnis. Die Chats der Inseratenaffäre rund um Sebastian Kurz haben tiefe Einblicke gegeben, wie eng Teile der Politik und Teile des Boulevards miteinander Geschäfte gemacht haben.
Man kann das höflich einen Interessenkonflikt nennen.
Man kann es auch Pfründe nennen.
Ein Medienminister, der Inserate kürzt und Förderungen an Qualität knüpft, trifft genau jene, die vom alten System am meisten hatten. Und genau dieser Minister wird von genau dieser Zeitung so lange niedergeschrieben, bis er geht. Danach ist sein designierter Nachfolger dran.
Einer nach dem anderen.
Und hier, Herr Herrmann, borge ich mir Ihre Formel: nur eine Feststellung, keine Unterstellung. Mit einem Unterschied. Ich nenne meine Fakten. Eine Zeitung, die von allen anderen Transparenz verlangt, sollte diesen Interessenkonflikt ihren Leserinnen und Lesern offenlegen. Jedes Mal.
Das ist der Unterschied zwischen einer Feststellung und einer Unterstellung. Eine Feststellung nennt ihre Fakten. Eine Unterstellung versteckt sich hinter ihnen.
Pressefreiheit ist kein Freibrief. Und keine Zielscheibe.
Was mich an all dem besonders ärgert: Kaum jemand inszeniert sich so gern als Verteidiger der Pressefreiheit wie die großen Boulevardhäuser. Die Verantwortung, die mit dieser Freiheit einhergeht, scheint dort deutlich weniger Begeisterung auszulösen.
Pressefreiheit bedeutet nicht, dass Journalisten unfehlbar sind.
Sie bedeutet auch nicht, dass jede parteipolitisch gefärbte Kampagne automatisch als seriöse Berichterstattung durchgeht.
Deshalb gehört die Debatte über Medienförderung, Inseratenvergabe und journalistische Standards endlich ernsthaft geführt. Nicht, um unliebsame Journalisten mundtot zu machen. Das wäre selbst ein Angriff auf die Demokratie. Sondern damit öffentliches Geld nach nachvollziehbaren Qualitätskriterien fließt – und nicht nach Auflage, Nähe oder Wohlverhalten.
Öffentliches Geld darf kein Freibrief für politische Kampagnen sein.
Und hier muss man genau sein. Denn es gibt Leute, die nur darauf warten, Medienkritik für ihre eigenen Zwecke zu kapern. Wer von „Systemmedien“ redet, wie Herbert Kickl das tut, will nicht bessere Medien. Er will weniger unabhängige. Im geleakten Verhandlungsprotokoll von FPÖ und ÖVP aus dem Jahr 2025 sind genau jene Punkte als „Dissens FPÖ“ markiert, die Qualität stärken würden: mehr Mittel für Medienkompetenz, Gratis-Zeitungszugänge für Schulen, ein Redaktionsstatut als Voraussetzung für Förderung.
Das ist die Grenze, die nicht verschwimmen darf.
Kritik an einem Chefredakteur ist keine Medienschelte. Kritik an Kampagnenjournalismus ist kein Ruf nach Kontrolle. Sie ist ein Plädoyer für Journalismus, der seinen Namen verdient.
Denn wenn Medien ihre Glaubwürdigkeit verspielen, beschädigen sie nicht nur ihren eigenen Ruf. Sie beschädigen das Vertrauen in die Demokratie. Und sie liefern ausgerechnet jenen Munition, die eine freie Presse am liebsten nur dann hätten, wenn sie ihnen nützt.
Macht kontrollieren. Nicht ausüben.
Babler war offenbar nicht genug. Jetzt ist Marterbauer dran.
Immer weiter. Immer dieselbe Richtung.
Und Sie, Herr Herrmann, sollten sich ernsthaft fragen, ob Sie noch politische Vorgänge kommentieren – oder ob Sie längst selbst Politik machen.
Ein Chefredakteur soll Macht kontrollieren. Nicht den Eindruck erwecken, sie mit seinen Schlagzeilen selbst ausüben zu wollen.
In diesem Sinne: Kommen Sie gut durch den Tag, Herr Herrmann.
Und vielleicht nehmen Sie sich zwischendurch einmal Zeit, darüber nachzudenken,
was von Ihrer journalistischen Ehre eigentlich noch übrig ist.
🖊️ PapaChriLo
Einer muss was sagen – weil man nicht alles einfach so stehen lassen kann.