Wer heute den Peršmanhof in Bad Eisenkappel betritt, betritt einen Ort, an dem sich österreichische Geschichte konzentriert – ein Ort, an dem die Schrecken nationalsozialistischer Gewalt noch spürbar sind.

Am 25. April 1945, nur wenige Tage vor Kriegsende, führte das I. Bataillon des SS-Polizeiregiments 13, genauer die 4. Kompanie, eine Razzia am Peršmanhof durch. Eingeleitet durch eine Anzeige wegen angeblichem Viehdiebstahl, stürmten etwa 70 Angehörige dieser Einheit den Hof, auf dem sich rund 150 Partisanen aufhielten.

Die Partisanen zogen sich zurück – doch Zurückgebliebene wurden brutal ermordet: elf Zivilisten, darunter sieben Kinder, Angehörige der Familien Sadovnik und Kogoj, kamen ums Leben. Wohn- und Wirtschaftsgebäude wurden niedergebrannt.

Der Einsatz wurde als „Endphaseverbrechen" des NS-Terrorregimes eingestuft und bleibt ungesühnt: Trotz Ermittlungen 1946 und einem erneuten Versuch 1960 kam es zu keinem Prozess gegen die Täter, allen voran Leutnant Josef Reischl – obwohl belastende Indizien vorhanden waren.

Symbolik für Kärntner Slowen:innen

Der Peršmanhof ist für die slowenische Minderheit in Kärnten weit mehr als ein historischer Ort: Er symbolisiert Widerstand, Gerechtigkeit und kollektive Erinnerung. Hier werden nicht nur Einzelschicksale erzählt – es ist ein Raum gegen das Vergessen und gegen politische Verdrängung. Darin liegt der Grund, warum die Ereignisse im Juli 2025 umso schockierender waren.

Vom Tatort zur Gedenkstätte

Nach dem Massaker von April 1945 lag der Peršmanhof zunächst verlassen und verfiel. Die landwirtschaftlichen Gebäude waren niedergebrannt, die Familien ausgelöscht, und das Areal wurde zu einem stummen Zeugnis der nationalsozialistischen Gewalt in Südkärnten. Über Jahrzehnte gab es – wie so oft, wenn es um Verbrechen an Kärntner Slowen:innen ging – kaum staatliche Initiative zur Aufarbeitung. Das Schweigen war Teil der Nachkriegsgeschichte: Man sprach nicht über den Widerstand der Partisan:innen, und schon gar nicht über die Verantwortung der Täter.

Erst Mitte der 1960er-Jahre setzte ein Umdenken ein. 1965 brachte der Verband der Kärntner Partisan:innen eine zweisprachige Gedenktafel am Hof an – ein damals mutiger Schritt, denn der Kalte Krieg und die politische Stimmung in Kärnten waren nicht gerade partisanenfreundlich. Es sollte noch fast zwei Jahrzehnte dauern, bis der Hof zu einem tatsächlichen Erinnerungsort ausgebaut wurde.

1982 eröffnete im wiederaufgebauten Wohnhaus das erste Museum am Peršmanhof. Getragen vom Verband der Kärntner Partisan:innen, dokumentierte es die Geschichte der Familien Sadovnik und Kogoj, den Partisan:innenkampf in der Region und die politischen Umstände des Massakers. In den Folgejahren entwickelte sich der Peršmanhof zu einem fixen Bestandteil der österreichischen Gedenkkultur – mit jährlichen Gedenkfeiern, die sowohl von der slowenischen Minderheit als auch von antifaschistischen Initiativen besucht werden.

2012 folgte eine umfassende Neugestaltung: Unter Leitung des „Društvo/Verein Peršman" entstand ein zweisprachiges, modernes Museum mit über 100 m² Ausstellungsfläche, interaktiven Elementen, historischen Dokumenten und Zeitzeugenberichten. Er ist heute nicht nur Lern- und Erinnerungsort, sondern auch ein Symbol für die Anerkennung des slowenischen Widerstands – vergleichbar in seiner moralischen und historischen Bedeutung mit Gedenkstätten wie Mauthausen, Hartheim oder Ebensee, wenn auch räumlich kleiner.

Gerade diese moralische Aufladung verlangt von staatlichen Institutionen besondere Sensibilität. Wer hier tätig wird, muss wissen: Der Peršmanhof ist nicht irgendein Ort, sondern einer, an dem die Würde der Opfer und das Bewusstsein für die Schrecken des Nationalsozialismus an erster Stelle stehen.

Umso schockierender ist es, dass 80 Jahre danach ein Polizeieinsatz im Juli 2025 – in seiner Härte und Machtdemonstration – in krassem Widerspruch zu diesem Ort steht.

Der Tag, an dem die Polizei den Peršmanhof stürmte

Einen Tag nachdem die Identitären in Wien aufmarschiert sind, kreist in Kärnten ein Hubschrauber über dem Peršmanhof. Am Boden sichern schwer bewaffnete Beamte den Eingang zur NS-Gedenkstätte. Hundestaffeln stehen bereit. Der Einsatzleiter gibt lauthals Kommandos, während Besucher:innen und Teilnehmende eines antifaschistischen Camps zur Ausweisleistung aufgefordert werden.

Wer hier, am historischen Ort eines vor 80 Jahren von einer Einheit des 13. Polizei-Gebirgsjäger-Regiments der SS-Polizei-Division verübten NS-Massakers unterwegs ist, wird behandelt wie ein potenzieller Staatsgefährder.

Am selben Wochenende, 320 Kilometer weiter nördlich, zieht ein Demonstrationszug durch die Straßen: In Wien marschieren Rechtsextreme – darunter bekannte Identitäre – durch die Innenstadt. Der Verfassungsschutz stuft ihre Bewegung als extremistisch ein, doch die Polizei sichert den Aufmarsch, hält Gegendemonstranten auf Abstand. Keine Helme, keine martialische Drohkulisse, keine Hundestaffel, kein Hubschrauber, keine Drohnen am Himmel.

In Kärnten kommen SIG-Beamte zum Einsatz wegen eines angeblichen „Verstoß gegen das Kärntner Campingplatzgesetz". Ein Verwaltungsdelikt, das man mit einem einfachen Gespräch hätte prüfen können – doch stattdessen greift man zu einer Einsatzkulisse, die sonst nur bei Großfahndungen zu sehen ist. Waffen im Anschlag, gebrüllte Anweisungen, die jede Diskussion im Keim ersticken.

Bei der Demo der rechtsextremen Identitären in Wien hingegen gibt es kein Einsatzkommando, das einschreitet, als lauthals Parolen skandiert werden, die an genau jene Zeiten erinnern, denen in Kärnten gedacht wird. Kein Eingreifen, als in Reden rechtsextreme Feindbilder bedient werden. Stattdessen begleiten Beamt:innen den Marsch, sichern die Route – und lassen den Demonstrationszug ohne Identitätsfeststellungen der Teilnehmer passieren.

Der Peršmanhof, Symbol des Widerstands gegen den Nationalsozialismus, wird an diesem Wochenende nicht als Mahnmal behandelt, sondern als „Gefahrenzone". Wien hingegen wird zur Aufmarschhauptstadt der Rechtsextremen aus halb Europa.

Die Botschaft ist klar: Wer Transparente gegen Faschismus trägt, wird durchsucht und kontrolliert. Wer Transparente mit verbotenen Symbolen hisst, wird von der Polizei hofiert.

Wer sich in Kärnten weigert, persönliche Daten anzugeben, wird zu Boden gerissen. Wer in Wien rechtsextreme Parolen brüllt, muss sich gegenüber der Exekutive nicht identifizieren. Antifa-Aktivist:innen stehen unter Generalverdacht. Rechtsextreme werden von der Polizei per Handschlag begrüßt.

Am Ende bleibt ein Bild, das sich ins Gedächtnis brennt: In Wien schüttelt ein Polizist dem wohl bekanntesten Identitärenführer die Hand. In Kärnten legt der Einsatzleiter die Hand an den Waffengriff, während Jugendliche ihre Ausweise zeigen müssen.

Zwei Orte, zwei Botschaften – und ein erschreckend deutlicher Unterschied darin, wer in diesem Land als Gefahr gilt.

Die Schieflage ist offensichtlich

Die Polizei hat an diesem Wochenende eine klare Botschaft gesendet – ob beabsichtigt oder nicht: Rechte dürfen marschieren, Linke werden kontrolliert.

  • In Wien: Keine nennenswerten Eingriffe gegen die Identitären, keine Festnahmen wegen des Zeigens verbotener Symbole.
  • In Kärnten: Massives Polizeiaufgebot am Peršmanhof, wegen einer angeblichen Verwaltungsübertretung.

Diese Asymmetrie ist nicht neu. Seit Jahren beklagen Beobachter:innen, dass österreichische Sicherheitsbehörden auf dem rechten Auge blind und auf dem linken überempfindlich sind. Historisch hat das Gründe: Die Personalvertretung der Polizei ist seit Jahrzehnten FPÖ-dominiert, und spätestens seit der ersten schwarz-blauen Regierung wurden linke oder kritische Führungskräfte im Innenministerium systematisch verdrängt.

Der diplomatische Eklat

Der Einsatz am Peršmanhof blieb nicht ohne Folgen. Slowenien reagierte empört – und das aus gutem Grund. Für viele Slowen:innen ist der Ort ein zentraler Teil ihres kollektiven Gedächtnisses. Dass dort Polizeihunde, Hubschrauber und schwer bewaffnete Beamte auffahren, empfinden sie als Respektlosigkeit gegenüber den Opfern. Der slowenische Botschafter in Österreich sprach im ORF-Morgenjournal deutliche Worte der Kritik.

Die österreichische Reaktion? Eine „multiprofessionelle Kommission" soll die Vorgänge „evaluieren". Bis Ende September. Man will Zeit gewinnen – oder hofft vielleicht, dass Gras über die Sache wächst.

Warum dieser Vorfall nicht vergessen werden darf

Der Peršmanhof ist nicht irgendein Ort. Er ist ein Prüfstein dafür, wie ernst Österreich seine Verantwortung gegenüber der Geschichte nimmt. Wer hier mit martialischem Auftreten gegen Antifaschist:innen vorgeht, während zeitgleich Rechtsextreme in Wien hofiert werden, sendet ein fatales Signal – nach innen wie nach außen.

Es ist eine Frage der politischen Kultur:

  • Werden Gedenkorte geschützt – oder instrumentalisiert?
  • Wird Rechtsextremismus konsequent bekämpft – oder toleriert, wenn er politisch opportun erscheint?
  • Wird Antifaschismus als demokratische Pflicht verstanden – oder als zu bekämpfende „linke Randerscheinung"?

Fazit

Das Wochenende, an dem die Polizei den Peršmanhof stürmte und gleichzeitig in Wien den Identitären freie Bahn ließ, war ein Tiefpunkt für den Rechtsstaat. Es zeigte, wie brüchig die politische Balance in Österreich geworden ist – und wie dringend eine unabhängige Kontrolle der Sicherheitsbehörden nötig ist.

Denn eines muss klar sein: Ein Handschlag für Sellner und Handschellen für Antifaschist:innen – das ist nicht „Neutralität der Exekutive". Das ist eine Schieflage, die gefährlich nah an staatlicher Parteinahme für die falsche Seite ist.

🖊️ PapaChriLo

Einer muss was sagen – weil man nicht alles einfach so stehen lassen kann.