Warum sagen Menschen erst, sie hätten keine Ahnung – und behaupten danach felsenfest das Gegenteil? Ein Blick auf einen der durchsichtigsten rhetorischen Tricks unserer Zeit, von Marco Rubio bis zum Familien-Chat.
Der Satz kommt fast immer im selben Tonfall. Ruhig, ein bisschen entschuldigend, fast schon liebenswürdig. „Ich bin ja kein Virologe, aber …" „Ich bin ja kein Ökonom, aber …" „Ich will da niemandem was erzählen, aber …" Und dann kommt sie: die felsenfeste, unverhandelbare, absolute Wahrheit über Impfstoffe, Zinspolitik, Migration oder das Klima. Kein Vielleicht. Kein Konjunktiv. Keine Quelle. Nur Gewissheit.
Der Satz verspricht Bescheidenheit. Er liefert das genaue Gegenteil.
Der Trick steckt in der Grammatik
Linguistinnen und Linguisten kennen diesen Mechanismus seit Jahrzehnten, auch wenn sie ihn nüchterner benennen. Sprachwissenschaftler unterscheiden zwischen „Hedges" – abschwächenden Formulierungen wie „ich glaube", „vielleicht", „soweit ich weiß" – und „Boosters", also Verstärkern, die maximale Gewissheit signalisieren, etwa „klar ist", „bewiesen", „fest steht". Der Sprachforscher Ken Hyland hat diese Kategorien in der Wissenschaftssprache systematisch beschrieben: Hedges dienen dazu, eine Aussage vorsichtig und überprüfbar zu halten, Boosters dagegen, die eigene Überzeugung möglichst wirkungsvoll durchzusetzen.
„Ich bin ja kein Experte, aber" ist ein Hedge. Was danach folgt, ist so gut wie immer ein Booster. Das ist keine sprachliche Kleinigkeit, sondern ein logischer Widerspruch in einem Atemzug: Erst die Distanzierung von jeder Verantwortung, gleich danach die volle Autorität einer Tatsachenbehauptung.
Warum tun Menschen das? Die Höflichkeitsforschung liefert eine nüchterne Erklärung. Die Linguisten Penelope Brown und Stephen Levinson beschrieben schon in den 1980er-Jahren, dass Sprecherinnen und Sprecher ihr soziales „Gesicht" schützen, bevor sie etwas potenziell Angreifbares sagen. Der Disclaimer ist eine Vorwärtsverteidigung. Wer vorher sagt „ich bin ja kein Experte", hat sich für den Fall der Widerlegung längst abgesichert: Man hat ja nie behauptet, es besser zu wissen. Nur leider genau das Gegenteil gesagt.
Zwei Beispiele, die den Mechanismus sichtbar machen
Der ehemalige US-Senator Marco Rubio lieferte 2012 im Magazin GQ eine Lehrbuchvariante. Gefragt, wie alt die Erde sei, antwortete er: „I'm not a scientist, man. […] I think the age of the universe has zero to do with how our economy is going to grow." Drei Jahre zuvor, 2009, hatte er sich gegenüber dem Miami Herald zur Klimafrage bereits ähnlich positioniert: Er sei kein Wissenschaftler, nicht qualifiziert, das zu entscheiden, es gebe eine „bedeutende wissenschaftliche Uneinigkeit" darüber, ob der Mensch das Klima verändere. Zu diesem Zeitpunkt lag der wissenschaftliche Konsens zur menschengemachten Erderwärmung durch die Berichte des Weltklimarats IPCC bereits seit Jahren vor. Rubio stand mit dieser rhetorischen Figur nicht allein: Auch andere US-Politiker wie John Boehner, Rick Scott oder Mitch McConnell griffen in Klimafragen wiederholt zur selben Formel – Zweifel am eigenen Fachwissen als Feigenblatt für eine politische Entscheidung, die längst getroffen war.
Der zweite Fall liegt näher an österreichischen Wohnzimmern. Während der Corona-Pandemie wurde „Ich bin ja kein Virologe, aber …" zur festen Einleitungsformel für Kettenbriefe, Facebook-Kommentare und Familien-WhatsApp-Gruppen – meist gefolgt von angeblichem Wissen über Immunsystem, Masken oder Impfstoffe, das echten Fachleuten regelmäßig die Haare zu Berge stehen ließ. Die Forschungseinrichtung Eurac Research nannte dieses Phänomen treffend eine „Pandemie der falschen Experten". Der Disclaimer änderte nichts an der Wirkung der Behauptung, er machte sie nur schwerer angreifbar.
Warum wir uns selbst so leicht überschätzen
Für dieses Verhalten gibt es handfeste psychologische Erklärungen, die deutlich über bloße Rhetorik hinausgehen.
Die Yale-Forscher Leonid Rozenblit und Frank Keil beschrieben 2002 die „Illusion of Explanatory Depth" – die Illusion erklärender Tiefe. Ihr Experiment war simpel: Versuchspersonen sollten zunächst einschätzen, wie gut sie den Mechanismus alltäglicher Dinge verstehen, etwa eines Reißverschlusses oder einer Nähmaschine. Danach mussten sie diesen Mechanismus tatsächlich Schritt für Schritt erklären. Das Ergebnis: Sobald Menschen gezwungen waren, ihr Wissen wirklich auszubuchstabieren, brach ihre zuvor hohe Selbsteinschätzung in sich zusammen. Menschen verwechseln systematisch das Gefühl, etwas zu verstehen, mit dem tatsächlichen Verständnis.
2013 übertrug der Kognitionsforscher Philip Fernbach dieses Prinzip auf Politik. Er ließ Versuchspersonen politische Positionen bewerten. Wer vorher gebeten wurde, den Mechanismus der jeweiligen Maßnahme detailliert zu erklären, wurde in der eigenen Position merklich vorsichtiger und gemäßigter. Ein Großteil politischer Gewissheit entsteht demnach nicht aus Verständnis, sondern aus dem bloßen Gefühl von Verständnis.
Der Philosoph Nathan Ballantyne prägte für ein verwandtes Phänomen den Begriff des „Epistemic Trespassing" – des erkenntnistheoretischen Hausfriedensbruchs. Gemeint ist die stille Annahme, dass Kompetenz in einem Bereich automatisch Kompetenz in einem völlig anderen Bereich verleiht. Wer im Beruf tüchtig ist, hält sich schnell auch in Virologie, Klimaforschung oder Geldpolitik für kompetent – ein Übertrag, der psychologisch naheliegt und fachlich fast immer falsch ist.
Der Klassiker – und ein Warnhinweis in eigener Sache
An dieser Stelle würde praktisch jeder Text zu diesem Thema den Dunning-Kruger-Effekt zitieren: Wer wenig weiß, überschätzt sich am stärksten, weil ihm gerade das Wissen fehlt, die eigenen Lücken zu erkennen. Die Psychologen David Dunning und Justin Kruger zeigten das 1999 in einer inzwischen berühmten Studie: Versuchspersonen im untersten Testviertel eines Logiktests, real im 12. Perzentil, schätzten sich selbst im Schnitt im 62. Perzentil ein – ein Selbstüberschätzungs-Fehler von 50 Prozentpunkten.
Doch genau hier lohnt sich Vorsicht. Im Juli 2026 veröffentlichten die Ökonomen Chris Dawson (Universität Bath) und David de Meza (London School of Economics) im Fachjournal „Psychological Review" eine Untersuchung, die den klassischen Befund methodisch infrage stellt. Ihr Argument: Die ursprüngliche Auswertung habe Messfehler in Testergebnissen mit echter Selbstüberschätzung verwechselt – ein statistisches Artefakt. Nach Korrektur dieses Fehlers kehrt sich das Muster in ihren Daten sogar um: Es sind eher die fähigeren Personen, die am stärksten überschätzen, unter anderem weil sie den größten Anreiz haben, verborgene Kompetenz sichtbar zu signalisieren.
„Wenn wir die statistischen Probleme beseitigen, verschwindet das scheinbare Muster. Stattdessen zeigt sich: Selbstüberschätzung ist eine universelle menschliche Eigenschaft – aber es sind die Fähigsten unter uns, die sie am stärksten zeigen", so Chris Dawson in einer Pressemitteilung vom 27. Juli 2026.
Diese Studie ist neu, sie steht einer jahrzehntelangen, vielfach wiederholten Befundlage entgegen, und sie wird mit Sicherheit noch diskutiert und geprüft werden. Seriös ist deshalb nur eine vorsichtige Formulierung: Der Dunning-Kruger-Effekt in seiner klassischen Popversion – „Dumme wissen nicht, dass sie dumm sind" – ist möglicherweise selbst ein Beispiel für genau das Verhalten, das dieser Text beschreibt. Man hört eine Erklärung, sie fühlt sich sofort einleuchtend an, und man übernimmt sie, ohne genauer hinzusehen. Selbstüberschätzung, so viel lässt sich unabhängig vom Streit um die Statistik sagen, ist offenbar kein Problem der Ahnungslosen allein. Sie ist ziemlich menschlich – und trifft Selbstbewusste möglicherweise sogar härter.
Warum das mehr ist als ein Stilproblem
Man könnte das Ganze für eine harmlose Marotte halten, für schlechten Stil am Stammtisch. Politisch ist es das nicht.
Der Disclaimer funktioniert wie eine Fluchtklausel. Er nimmt der Aussage im Vorhinein die Angreifbarkeit, ohne ihr die Wirkung zu nehmen. Wer öffentlich Politik macht oder kommentiert und dabei ständig zwischen „ich bin ja kein Experte" und felsenfesten Tatsachenbehauptungen hin- und herspringt, verschafft sich einen Freibrief: keine Quellenpflicht, keine Methodendiskussion, keine Korrekturpflicht, aber die volle rhetorische Wirkung von Fachautorität. Genau das ist einer der Mechanismen, mit denen komplexe Fragen – Impfstoffe, Klimapolitik, Wirtschaftspolitik, Migration – im öffentlichen Diskurs auf Bauchgefühl heruntergekocht werden, verkleidet als bodenständige Bescheidenheit.
Wirklich bescheiden ist der Satz „ich bin ja kein Experte" nur dann, wenn danach tatsächlich Schweigen folgt. Oder eine Frage. Oder ein Verweis auf jemanden, der es wirklich weiß. Alles andere ist keine Bescheidenheit. Es ist Behauptung mit eingebauter Rückversicherung.
🖊️ PapaChriLo
Einer muss was sagen – weil man nicht alles einfach so stehen lassen kann.