Die Freiheitliche Partei Österreichs feiert ihr 70-jähriges Bestehen. Hinter der Jubelrhetorik und den Kornblumen im Knopfloch liegt eine Geschichte, die nicht verdrängt, sondern benannt werden muss: eine Partei, die aus einem NS-Auffangbecken entstand und sich bis heute nicht vollständig von diesem Erbe gelöst hat.

Am 7. April 1956 wurde in Wien eine Partei gegründet, die seither österreichische Politik prägt wie keine zweite – nicht durch programmatische Konsistenz, sondern durch die konsequente Mobilisierung von Ressentiment, Nostalgie und nationaler Abgrenzung. Sieben Jahrzehnte später, während die FPÖ mit Pathos und Kornblume ihr Jubiläum begeht, lohnt es sich, den Blick auf die Fakten zu richten. Nüchtern. Ohne Hysterie. Aber auch ohne Beschönigung.

Dieser Text ist kein parteipolitisches Pamphlet. Er stützt sich auf dokumentierte historische Fakten, auf Erkenntnisse der Zeitgeschichtsforschung und auf Ereignisse, die in der österreichischen Öffentlichkeit bestens belegt sind. Was hier folgt, ist der Versuch einer ehrlichen Bestandsaufnahme.

I. Die Geburtsstunde: Ein Auffangbecken für Ewiggestrige

Die Gründung der FPÖ 1956 war kein demokratischer Neuanfang. Sie war eine gezielte Fortsetzung. Der erste Parteiobmann war Anton Reinthaller – SS-Oberführer, NSDAP-Mitglied seit 1930 und ehemaliger Staatssekretär im Anschluss-Kabinett 1938. Reinthaller war nach 1945 zu drei Jahren schweren Kerkers verurteilt. Die Strafe wurde durch die Untersuchungshaft, in der er sich seit 1945 befunden hatte, größtenteils verbüßt. Nach einer Wiederaufnahme des Verfahrens wurde seine Strafe 1952 vom Volksgericht Linz auf zweieinhalb Jahre herabgesetzt. Im Juni 1953 wurde Reinthaller durch Bundespräsident Theodor Körner begnadigt und aus der Haft entlassen. Seine Wahl an die Spitze der neugegründeten FPÖ war ein Signal an jene Gesellschaftsschicht, die nach dem Ende des Nationalsozialismus politisch heimatlos geworden war.

Reinthallers Vorgängerorganisation, der Verband der Unabhängigen (VdU), hatte sich seit 1949 als Sammelbecken für ehemalige Nationalsozialisten etabliert, die nach den Entnazifizierungsgesetzen zunächst vom Wahlrecht ausgeschlossen gewesen waren. Als diese Gruppe 1949 wieder wählen durfte, strömte sie in den VdU – und 1956 in die FPÖ.

Historischer Kontext: Nach 1945 galten in Österreich rund 500.000 Personen als „Minderbelastete" und 42.000 als „Belastete" im Sinne des Verbotsgesetzes. Die sogenannte „Ehemaligen" – frühere NSDAP-Mitglieder und Sympathisanten – bildeten eine wahlpolitisch bedeutsame Gruppe, um die SPÖ und ÖVP in der Zweiten Republik konkurrieren mussten. Der VdU und später die FPÖ boten dieser Gruppe eine politische Heimat außerhalb des Lagerdenkens von Sozialdemokratie und Christdemokratie. Die Partei verstand sich als „drittes Lager" – eine Bezeichnung, die bis heute in der FPÖ-internen Sprache gebräuchlich ist.

Es wäre historisch unehrlich zu behaupten, alle Gründungsmitglieder seien überzeugte Nationalsozialisten gewesen. Viele waren schlicht Opportunisten, Mitläufer oder Menschen, die sich politisch anders verorten wollten als im Lager von SPÖ und ÖVP. Doch der ideologische Keim, der in diesen Gründungsjahren gelegt wurde – die deutschnationale Ausrichtung, die Verharmlosung der NS-Vergangenheit, die Ablehnung einer eigenständigen österreichischen Identität – hat die Partei bis heute nicht verlassen.

„Die FPÖ war von Anfang an ein Sammelplatz für jene, die nach 1945 im Dritten Lager eine politische Heimat suchten, ohne sich wirklich mit dem Nationalsozialismus auseinanderzusetzen." — Oliver Rathkolb, Zeithistoriker, Universität Wien

II. Das deutschnationale Fundament: Eine Ideologie, die bleibt

Die FPÖ definierte sich in ihren ersten Jahrzehnten explizit als deutschnationale Partei. Das Linzer Programm von 1985 enthielt noch den Satz, die Österreicher seien „Teil der deutschen Kulturnation" – eine Formulierung, die den Gedanken einer eigenständigen österreichischen Nation ablehnt.

Der langjährige Parteiobmann Friedrich Peter (1958–1978) war SS-Obersturmführer und Angehöriger der 1. SS-Infanteriebrigade, die für Massenerschießungen an der Ostfront verantwortlich gemacht wurde. Simon Wiesenthal machte dies 1975 öffentlich. Peter blieb dennoch Parteiobmann und wurde kurzzeitig als möglicher Koalitionspartner für SPÖ-Bundeskanzler Bruno Kreisky gehandelt – ein Skandal, der die moralische Indifferenz der Zweiten Republik gegenüber NS-Kontinuitäten auf erschreckende Weise dokumentierte.

Unter Jörg Haider, Parteichef von 1986 bis 2000 (und danach mit dem BZÖ assoziiert), erlebte die FPÖ ihren dramatischsten Aufstieg. Haider war rhetorisch brillant und verstand es wie kein zweiter, Frustration und Ressentiment politisch zu kanalisieren. Gleichzeitig fiel er durch Aussagen auf, die in einem demokratischen Rechtsstaat eigentlich nicht kommentarlos hingenommen werden dürften:

  • 1991 lobte er vor dem Kärntner Landtag die „ordentliche Beschäftigungspolitik" im Dritten Reich – ein Satz, der trotz einer formalen Entschuldigung in der Erinnerung haften blieb.
  • 1995 bezeichnete er Veteranen der Waffen-SS als „anständige Menschen, die ihren Überzeugungen treu geblieben" seien.
  • Die österreichische Nation bezeichnete er als „ideologische Missgeburt" – eine Formulierung, die zeigt, wie tief das deutschnationale Denken in der Partei verankert war.

„Die österreichische Nation ist eine ideologische Missgeburt." — Jörg Haider, FPÖ-Obmann, 1988

III. Die Kornblume: Kein harmloses Blümchen

Das Tragen der Kornblume ist innerhalb der FPÖ bis heute verbreitet. Offiziell wird die Kornblume als Symbol österreichischer Identität und Heimatverbundenheit erklärt. Die historische Realität ist eine andere.

Die Kornblume war während der Zeit des Verbots der NSDAP in Österreich (1933–1938) ein verbreitetes, bewusst unauffälliges Erkennungszeichen unter NS-Sympathisanten. Sie erlaubte es, politische Zugehörigkeit zu signalisieren, ohne das Hakenkreuz offen tragen zu müssen. Nach dem Anschluss 1938 wurde die Kornblume zu einem offiziellen NS-Symbol.

Dass führende FPÖ-Politiker sie noch heute tragen, ist keine Naivität – es ist eine informierte Entscheidung. Wer in einer Partei mit dieser Geschichte eine Kornblume ans Revers heftet und diese Symbolik verteidigt, sendet eine Botschaft. Dass diese Botschaft von einem Teil der Wählerschaft verstanden wird, zeigen Befragungen wie die Wahlanalysen des Instituts für Grundlagenforschung, die rechtsextreme Milieus überproportional häufig im FPÖ-Wählerumfeld verorten.

Zur Kornblume: Was Historiker sagen. Der Historiker und Publizist Heribert Schiedel (Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, DÖW) hat die Verwendung der Kornblume als NS-Zeichen in der Zwischenkriegszeit dokumentiert. Er kommt zu dem Schluss, dass das Tragen der Kornblume im FPÖ-Umfeld als bewusstes Symbol der Kontinuität zur deutschnationalen und NS-nahen Tradition zu verstehen ist. Das DÖW ist die maßgebliche Forschungsstelle zu Rechtsextremismus und Nationalsozialismus in Österreich und existiert seit 1963.

IV. Burschenschaften: Das Netzwerk im Hintergrund

Die Verbindung zwischen FPÖ-Führungspersönlichkeiten und schlagenden Burschenschaften ist kein Zufall und kein bloßes Hobby. Sie ist strukturell. Zahlreiche FPÖ-Nationalratsabgeordnete, Spitzenfunktionäre und Landesräte sind Mitglieder schlagender Burschenschaften – Verbindungen, die dem deutschnationalen Korporationsstudentenwesen angehören.

Problematisch sind dabei nicht Mensur oder Traditionskultur an sich, sondern konkrete Belege für das Pflegen von NS-Gedankengut in Teilen dieses Milieus. Immer wieder wurden in Liederbüchern von Burschenschaften, die mit der FPÖ vernetzt sind, antisemitische und NS-verherrlichende Texte gefunden.

Der Fall des Liederbuchs der Burschenschaft Germania zu Wiener Neustadt (2018) machte international Schlagzeilen: Das Liederbuch enthielt unter anderem eine auf die Melodie eines bekannten Schlagers umgedichtete Version, in der Vergasungen von Juden verherrlicht wurden. Das damalige FPÖ-Innenministerium unter Herbert Kickl leitete keine Strafverfolgung gegen den Bund ein. Der damalige Verfassungsschutzchef, ein FPÖ-naher Beamter, versuchte stattdessen, die Informationsquelle zu identifizieren.

„In österreichischen Burschenschaften der rechten Couleur findet eine Tradierungslinie statt, die sich direkt auf die NS-Zeit bezieht – und die FPÖ hat nie ernsthaft mit diesem Milieu gebrochen." — Natascha Strobl, Politikwissenschaftlerin und Autorin von „Radikalisierter Konservatismus" (2021)

V. Regierungsbeteiligungen: Das Muster der „Einzelfälle"

Die FPÖ war in Österreich mehrfach an Bundesregierungen beteiligt – in den Jahren 1983–1987 als Juniorpartner der SPÖ (unter Norbert Steger) sowie 2000–2005 und 2017–2019 als Koalitionspartner der ÖVP. Jede dieser Regierungsbeteiligungen war von einer auffälligen Häufung von Skandalen und rechtsextremen Vorfällen begleitet, die stets als „Einzelfälle" bagatellisiert wurden.

  • 2000: Widerstand aus dem In- und Ausland. Der Eintritt der FPÖ in die Bundesregierung unter Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP) löste Sanktionen der EU-14-Staaten aus – das erste Mal in der Geschichte der EU, dass ein Mitgliedsstaat aufgrund des Regierungseintritts einer nationalistisch ausgerichteten Partei politische Sanktionen erfuhr. Das „Weisenbericht"-Komitee stellte der FPÖ ein schlechtes Zeugnis aus, empfahl aber auch die Aufhebung der Sanktionen.
  • 2005: Haider zieht die Reißleine. Die schwere Regierungskrise von 2002 und parteiinterne Flügelkämpfe führten 2005 zur Abspaltung des BZÖ unter Haider. Die FPÖ schied aus der Regierung aus – nicht wegen programmatischer Einsicht, sondern wegen interner Machtkämpfe.
  • 2019: Ibiza-Gate. Die Veröffentlichung des sogenannten „Ibiza-Videos" im Mai 2019 zeigte FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache und Fraktionschef Johann Gudenus, wie sie einer vermeintlichen russischen Oligarchin Regierungsaufträge gegen Parteispenden in Aussicht stellten. Strache und Gudenus traten zurück, die Koalition zerbrach. Das Video gilt als einer der größten politischen Skandale der österreichischen Nachkriegsgeschichte.
  • 2023–heute: Stärkste Partei. Nach der Nationalratswahl 2024 führte Bundespräsident Alexander Van der Bellen zunächst Sondierungsgespräche mit allen im Parlament vertretenen Parteien. Da keine Partei bereit war, eine Regierung unter Führung der Freiheitlichen Partei Österreichs und ihres Obmanns Herbert Kickl zu bilden, erhielt zunächst die Österreichische Volkspartei den Auftrag zur Regierungsbildung. Nachdem sowohl diese Gespräche als auch spätere Verhandlungen zwischen Kickl und der ÖVP scheiterten, einigten sich schließlich Österreichische Volkspartei, Sozialdemokratische Partei Österreichs und NEOS – auf die erste Dreierkoalition auf Bundesebene in Österreich.

VI. Der „Historikerkommission"-Schwindel

Im Jahr 2005 setzte die FPÖ eine parteiinterne Historikerkommission ein, die die Geschichte der Partei aufarbeiten sollte. Der resultierende Bericht, koordiniert von Wilhelm Brauneder, wurde von unabhängigen Historikern scharf kritisiert. Zeithistoriker wie Anton Pelinka bemängelten, dass die Kommission keine unabhängige Forschung betrieben, sondern eine parteinahe Schutzschrift geliefert habe.

Eine echte, unabhängige Aufarbeitung – vergleichbar etwa mit jener der SPÖ oder auch der Wirtschaftskammer Österreich – hat die FPÖ bis heute nicht vorgenommen. Stattdessen werden kritische Historiker, die NS-Bezüge in der Parteigeschichte benennen, als politisch motiviert abgestempelt.

Was eine echte Aufarbeitung bräuchte: Echte Parteigeschichtsaufarbeitung – wie sie die SPÖ Anfang der 2000er-Jahre betrieben hat und die ÖVP punktuell in Gang gesetzt hat – setzt unabhängige Historiker voraus, die Zugang zu internen Archiven erhalten, ohne Einschränkungen publizieren dürfen und deren Ergebnisse nicht von der Parteiführung kommentiert oder relativiert werden dürfen. Die FPÖ hat dies bis heute verweigert. Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes hat mehrfach öffentlich auf diese Forschungslücke hingewiesen.

VII. Herbert Kickl und die Radikalisierung des Diskurses

Mit Herbert Kickl hat die FPÖ seit 2021 einen Parteiobmann, der die ideologische Radikalisierung konsequent vorantreibt. Kickl ist kein Novize in der rechten Kommunikationsstrategie – er hat als FPÖ-Generalsekretär und späterer Innenminister maßgeblich zur Schärfung des Parteidiskurses beigetragen.

Zwei Begriffe aus Kickls Rhetorik verdienen besondere Aufmerksamkeit, weil sie keine zufälligen Versprecher, sondern bewusste Codes sind:

„Volkskanzler": Der Begriff „Volkskanzler" stammt aus der NS-Propaganda. Adolf Hitler wurde nach der Machtübernahme 1933 in der NS-Presse als „Volkskanzler" bezeichnet – als Kanzler, der direkt aus dem „Volk" komme und für das „Volk" spreche, im Gegensatz zur „Systemparteienkaste". Wenn Herbert Kickl diesen Begriff für sich reklamiert, ist das keine sprachliche Unachtsamkeit. Wer in einer Partei mit dieser Geschichte das Wort „Volkskanzler" benutzt, weiß, was er tut.

„Festung Österreich": Das Bild der „Festung" – einer abgeschirmten, nach innen orientierten Gemeinschaft, die sich gegen äußere Bedrohungen verteidigt – ist seit der Zwischenkriegszeit ein rechtsnationales Narrativ. Es impliziert eine homogene Volksgemeinschaft, die gegen Eindringlinge geschützt werden muss. In der Migrationspolitik eingesetzt, dient es nicht der sachlichen Steuerungsdebatte, sondern der emotionalen Aufladung eines Bedrohungsszenarios.

Kickls Kommunikationsstrategie folgt dem Muster, das die Politikwissenschaft als „radikalen Populismus" klassifiziert: das „reine Volk" gegen die „korrupte Elite", ergänzt durch ethnisch-kulturelle Schließung. Diese Strategie ist international: Viktor Orbán in Ungarn, Giorgia Meloni in Italien und Marine Le Pen in Frankreich verfolgen ähnliche Narrative – mit unterschiedlicher Intensität, aber derselben strukturellen Logik.

Nicht die Lösung moderner Probleme ist das Ziel – sondern die Errichtung einer autoritären Scheinidylle, die sich aus Ressentiments und Ausgrenzung speist.

VIII. Das doppelte Spiel: Opfer-Rhetorik und Systemparteien

Ein weiteres konstantes Muster der FPÖ ist ihre Selbstinszenierung als Opfer eines politischen Systems. In der freiheitlichen Rhetorik ist häufig von „Gesinnungsterror", „Systemparteien" oder einer angeblichen Unterdrückung abweichender Meinungen die Rede. Die Partei stellt sich dabei gern als verfolgte Außenseiterbewegung dar – als Widerstand gegen ein angeblich geschlossenes politisches Establishment.

Diese Darstellung steht jedoch in einem auffälligen Gegensatz zur realen politischen Stellung der FPÖ. Seit Jahrzehnten gehört sie zu den größten Parteien Österreichs und war mehrfach an der Bundesregierung beteiligt. Zwischen 2000 und 2005 stellte sie gemeinsam mit der ÖVP Regierungsmitglieder; auch von 2017 bis 2019 war sie Teil der Bundesregierung und übernahm mehrere Ministerien, darunter das Innen- und das Verteidigungsressort. Auch auf Landesebene ist die Partei seit langem politisch einflussreich. In Kärnten stellte sie mit Jörg Haider von 1989 bis 1991 und von 1999 bis 2005 den Landeshauptmann. Heute ist die FPÖ in mehreren Bundesländern an Landesregierungen beteiligt und stellt in der Steiermark den Landeshauptmann.

Gerade deshalb erfüllt die Rhetorik der angeblichen Systemverfolgung eine zentrale politische Funktion. Sie schafft eine narrative Schutzschicht gegen Kritik. Angriffe auf die Partei können als Beleg für die behauptete Unterdrückung interpretiert werden; Skandale innerhalb der eigenen Reihen werden als „Inszenierung der politischen Gegner" dargestellt. Selbst historische Aufarbeitung erscheint in dieser Logik schnell als politisch motivierter Angriff.

Hinzu kommt ein weiterer Widerspruch. Wie alle im Nationalrat vertretenen Parteien profitiert auch die FPÖ von staatlicher Parteienförderung, parlamentarischen Mitarbeiterstellen und Fraktionsgeldern. Darüber hinaus fließen indirekte Mittel über parteinahe Organisationen wie den Freiheitlichen Akademikerverband. Diese Ressourcen stammen aus genau jenem politischen System, gegen das sich die Partei rhetorisch immer wieder als rebellische Opposition inszeniert.

IX. Die Verantwortung der Wählerinnen und Wähler

An dieser Stelle ist Vorsicht geboten. Es wäre falsch und unproduktiv, alle FPÖ-Wählerinnen und -Wähler als Rechtsextreme zu diffamieren. Das stimmt empirisch nicht und es hilft demokratiepolitisch nicht weiter.

Umfragen und Wahlanalysen zeigen, dass ein erheblicher Teil der FPÖ-Wählerschaft aus Menschen besteht, die sich von den etablierten Parteien nicht mehr repräsentiert fühlen, die unter wirtschaftlichen Unsicherheiten leiden, die legitime Fragen zu Migrationspolitik oder staatlichen Leistungen haben. Diese Menschen verdienen keine Verachtung – sie verdienen politische Angebote, die ihre Anliegen ernst nehmen.

Dennoch bleibt eine Wahrheit: Wer eine Partei mit der DNA der FPÖ wählt, legitimiert diese DNA mit. Man kann eine Partei nicht von ihrer Führung und ihrer Geschichte trennen. Wer Herbert Kickl zum Volkskanzler machen will, wählt auch den Obmann, der den Begriff aus der NS-Propaganda entlehnt hat. Wer der FPÖ seine Stimme gibt, gibt sie einer Organisation, die sich bis heute nicht glaubwürdig von ihren rechtsextremen Wurzeln distanziert hat.

Das ist kein moralischer Vorwurf an einzelne Personen – es ist eine demokratiepolitische Feststellung über kollektive Verantwortung.

X. Nach 70 Jahren: Eine Partei zwischen den Zeiten

Die FPÖ ist keine Partei des 21. Jahrhunderts, die zufällig ein paar historische Altlasten mit sich trägt. Sie ist eine Partei des 20. Jahrhunderts, die sich in der Gegenwart bewegt. Ihr Denken, ihre Codes, ihre Netzwerke, ihre Feindbilder – sie stammen aus einer Tradition, die 1945 hätte enden sollen und es nicht getan hat.

Das ist die eigentliche Provokation dieser 70 Jahre: nicht dass es eine rechtsextreme Randgruppe gibt – die gibt es in jeder Demokratie –, sondern dass diese Partei mit dieser Geschichte den ernsthaften Anspruch erhebt, Österreich zu regieren. Und dass ein Teil der Bevölkerung bereit ist, ihr das zu ermöglichen.

Österreich hat nach 1945 lange gebraucht, um sich mit seiner NS-Vergangenheit auseinanderzusetzen. Der Mythos vom „ersten Opfer" Hitlerdeutschlands hielt sich bis in die 1980er-Jahre. Die Waldheim-Affäre 1986 war ein Wendepunkt. Aber der Weg zu einer vollständigen Aufarbeitung ist lang und unbeendet.

Die FPÖ ist nicht der Grund dafür, dass dieser Weg unbeendet ist. Aber sie ist ein Symptom. Und manchmal auch eine Ursache.

Dieser Beitrag stützt sich auf dokumentierte historische Quellen und wissenschaftliche Publikationen. Alle historischen Zitate und Ereignisse sind in der genannten Sekundärliteratur und in den Primärquellen der Zeitgeschichtsforschung belegt.

🖊️ PapaChriLo

Einer muss was sagen, weil man nicht alles einfach so stehen lassen kann.