„Wenn die Masken fallen, braucht es keine Interpretation mehr – sondern nur noch Ohrenzeugen."
Zwei führende FPÖ-Politiker sitzen bei AUF1 vor der Kamera und reden. Nicht irgendwelche Funktionäre aus der zweiten Reihe, sondern FPÖ-Generalsekretär Christian Hafenecker und Michael Schnedlitz, zwei der engsten Vertrauten von Herbert Kickl.
Was sie sagen, klingt auf den ersten Blick nach normalem Wahlkampf. Auf den zweiten Blick ist es das nicht.
Was ist eigentlich Demokratie – und warum ist das hier wichtig?
Demokratie bedeutet nicht einfach: Die Partei mit den meisten Stimmen darf alles machen. Demokratie bedeutet: Es gibt Regeln, die für alle gelten – auch für die Regierung. Gerichte kontrollieren, ob Gesetze verfassungskonform sind. Eine unabhängige Justiz urteilt ohne politischen Druck. Medien berichten, ohne vom Staat gelenkt zu werden. Der Verfassungsschutz beobachtet extremistische Aktivitäten, unabhängig davon, welche Partei gerade regiert.
Diese Kontrollmechanismen nennt man Gewaltenteilung. Sie sind kein bürokratisches Detail, sie sind das, was eine Demokratie von einer Autokratie unterscheidet. Genau das sind die Mechanismen, über die Hafenecker und Schnedlitz bei AUF1 geredet haben. Und zwar auf eine Art, die aufhorchen lässt.
Der Staat als Feind
Hafenecker beschreibt Österreichs Institutionen nicht als reformbedürftig, sondern als feindlich. Die Sozialpartnerschaft, also die Zusammenarbeit von Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretungen, nennt er eine „Backup-Regierung der Systemparteien". Die Justiz ist für ihn „Klassenjustiz". Den Verfassungsschutz bezeichnet Schnedlitz als Instrument politischer Verfolgung.
Wer alle unabhängigen Institutionen als Feinde definiert, schafft damit die Rechtfertigung, sie unter Kontrolle zu bringen. Hafenecker sagt es offen: „Da muss man hineingreifen, wenn man das Funktionieren des Staates in Zukunft wieder gewährleisten möchte, und das wollen wir mit Herbert Kickl an der Spitze." „Hineingreifen" in Gerichte, Verfassungsschutz und Medien ist keine Reformankündigung. Das ist die Ankündigung, unabhängige Institutionen unter Parteikontrolle zu stellen.
Kompromisse sind Schwäche
In einer Demokratie regiert fast nie eine Partei allein. Koalitionen, Verhandlungen, Kompromisse – das ist der Alltag des Parlamentarismus. Nicht weil Politiker so nett zueinander sind, sondern weil das System genau das verlangt: dass keine einzelne Partei alles alleine durchsetzen kann.
Hafenecker sieht das anders: „Wenn wir faule Kompromisse eingehen würden, dann wären wir mit unserer Glaubwürdigkeit auch in der Bedeutungslosigkeit und im Nirwana verschwunden." Und Schnedlitz geht noch weiter: „Wir gehen davon aus, dass wir keine absolute Mehrheit brauchen werden, sondern dass einige in den anderen Parteien schlau genug sein werden, ihre Strategie zu wenden und der FPÖ zu folgen." Das ist keine Koalitionsbereitschaft. Das ist die Erwartung, dass andere sich unterordnen.
Der Verfassungsschutz als Angriffsziel
Der Verfassungsschutz hat die Aufgabe, extremistische und verfassungsfeindliche Aktivitäten zu beobachten – das ist sein gesetzlicher Auftrag. Schnedlitz bezeichnet genau das als „politische Verfolgung wie zu dunkelsten Zeiten der Geschichte Österreichs". Was folgt daraus logisch? Unter einer FPÖ-geführten Regierung würde ein Verfassungsschutz, der die FPÖ beobachtet hat, nicht mehr unabhängig arbeiten können. Die Behörde, die Demokratiefeinde beobachten soll, würde von jenen kontrolliert, die sie bisher beobachtet hat.